Polyneuropathie

Wenn der Fuß stumm wird: Polyneuropathie verstehen

Kribbeln, Taubheit, das Gefühl, auf Watte zu laufen – und irgendwann spürt man gar nichts mehr. Warum das gefährlich ist und welche Hilfe Ihnen zusteht.

Was ist eine Polyneuropathie?

„Poly" heißt viele, „Neuropathie" bedeutet Nervenschädigung. Bei einer Polyneuropathie sind also mehrere periphere Nerven geschädigt – meist zuerst die längsten im Körper. Und die enden in den Füßen. Deshalb beginnen die Beschwerden fast immer dort und wandern von unten nach oben.

Betroffen sind unterschiedliche Nervenfasern: solche, die fühlen (Berührung, Schmerz, Temperatur), solche, die bewegen, und solche, die unbewusste Vorgänge steuern – etwa das Schwitzen. Deshalb wird die Haut an den Füßen oft auffällig trocken.

Gesunder und geschädigter Nerv im Vergleich Ein Nerv funktioniert wie ein Kabel: innen die Nervenfaser, außen eine Schutzhülle. Ist die Hülle beschädigt oder die Faser unterbrochen, kommt das Signal nur noch abgeschwächt oder gar nicht im Gehirn an. Gesunder Nerv Signal läuft ungestört kommt vollständig an Geschädigter Nerv Hülle beschädigt, Faser unterbrochen kommt kaum oder gar nicht an Schutzhülle Nervenfaser Was das für den Fuß bedeutet Druck, Hitze und kleine Verletzungen werden nicht mehr zuverlässig gemeldet.
Ein Nerv funktioniert wie ein Kabel: Innen liegt die Nervenfaser, außen eine Schutzhülle. Wird die Hülle brüchig oder die Faser unterbrochen, erreicht das Signal das Gehirn nur noch abgeschwächt – oder gar nicht.

Woran Sie es bemerken

Typisch ist ein schleichender Beginn. Viele beschreiben es so:

  • Kribbeln oder Ameisenlaufen, besonders nachts
  • Brennen in den Fußsohlen
  • Das Gefühl, wie auf Watte oder Kork zu gehen
  • Taubheit – Socken oder Boden werden nicht mehr richtig gespürt
  • Unsicherheit beim Gehen, vor allem im Dunkeln
  • Sehr trockene, rissige Haut trotz Eincremen

Manche Betroffene haben zusätzlich Schmerzen, andere spüren im Verlauf immer weniger. Gerade das zweite ist tückisch: Das Nachlassen der Beschwerden fühlt sich wie Besserung an – tatsächlich ist es oft ein Fortschreiten.

Ausbreitungsmuster einer Polyneuropathie Schematische Darstellung zweier Unterschenkel: Die Beschwerden beginnen an beiden Fußsohlen und Zehen und breiten sich langsam nach oben aus. Fachleute sprechen vom sockenförmigen Verteilungsmuster. breitet sich aus Beginn an Zehen und Fußsohlen meist an beiden Füßen gleichzeitig
Typisches Muster: Die Beschwerden beginnen an beiden Füßen und wandern langsam nach oben – Fachleute sprechen vom „sockenförmigen" Verteilungsmuster.

Woher sie kommt

Die häufigste Ursache ist Diabetes. Sie ist aber bei Weitem nicht die einzige:

  • Langjähriger Alkoholkonsum
  • Medikamente, insbesondere eine Chemotherapie
  • Vitaminmangel, vor allem Vitamin B12
  • Erkrankungen von Nieren, Schilddrüse oder Immunsystem
  • Erbliche Formen

Bei einem Teil der Betroffenen lässt sich trotz gründlicher Abklärung keine Ursache finden. Die Behandlung der Füße ist deshalb nicht weniger wichtig.

Warum das für die Füße gefährlich wird

Schmerz ist ein Schutzsystem. Fällt es aus, fehlt die Rückmeldung: Der zu enge Schuh drückt unbemerkt, das Steinchen bleibt liegen, die Blase wird nicht gespürt. Aus einer Kleinigkeit entsteht so eine Wunde – und weil die trockene, rissige Haut ohnehin durchlässiger ist, setzen sich Keime leichter fest.

Deshalb gilt bei Polyneuropathie derselbe Grundsatz wie beim diabetischen Fuß: lieber einmal mehr hinschauen als einmal zu wenig. Kontrollieren Sie Ihre Füße täglich – wenn nötig mit einem Handspiegel für die Sohlen.

Bitte zeitnah ärztlich abklären lassen – auch ohne Schmerzen:
  • eine Wunde, die gar nicht oder nur schlecht heilt
  • neue oder zunehmende Rötung, Schwellung oder überwärmte Haut
  • dunkle bis schwarze Verfärbungen der Haut
  • ein warmer, geschwollener Fuß ohne erkennbare Verletzung – dahinter kann ein Charcot-Fuß stecken

Was podologische Behandlung leistet

Hornhaut und Nägel gehören bei fehlendem Schmerzempfinden nicht in die eigene Hand – eine kleine Verletzung bliebe schlicht unbemerkt. In der Praxis arbeiten wir mit sterilen Instrumenten und, ebenso wichtig, mit geschultem Blick: Druckstellen und beginnende Entzündungen fallen bei regelmäßigen Terminen früh auf.

Kommt eine Nagelspange in Frage, bringen wir eingewachsene oder stark gekrümmte Nägel schonend wieder in Form.

Die Verordnung: Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt braucht

Hier liegt der wichtigste Punkt – und ein weit verbreiteter Irrtum. Podologische Behandlung auf Kassenkosten gibt es nicht nur bei Diabetes. Seit Juli 2020 ist sie ebenso verordnungsfähig, wenn eine sensible oder sensomotorische Neuropathie anderer Ursache vorliegt.

Damit die Verordnung ausgestellt werden kann, gehören dazu:

  • eine krankhafte Schädigung am Fuß – die Nervenstörung allein genügt nicht
  • ein Hautbefund und ein Nervenbefund, erhoben vor der ersten Verordnung
  • ein Hinweis auf eine gestörte Schweißregulation, etwa auffällige Hauttrockenheit oder verändertes Haarwachstum am Fuß

Ist die Gefühlsstörung festgestellt, aber die Ursache noch unklar, darf trotzdem verordnet werden – die neurologische Abklärung soll dann innerhalb eines halben Jahres folgen. Sie müssen also nicht warten, bis alles geklärt ist.

Wichtig zu wissen: Eine reine Durchblutungsstörung ohne Nervenbeteiligung reicht für diese Verordnung nicht aus.

Kurz zusammengefasst

  • Polyneuropathie beginnt fast immer an den Füßen und verläuft schleichend
  • Nachlassende Beschwerden bedeuten nicht automatisch Besserung
  • Ohne Schmerzempfinden bleiben Verletzungen unbemerkt – tägliche Kontrolle schützt
  • Hornhaut und Nägel gehören in fachkundige Hände
  • Die Kassenleistung gilt auch ohne Diabetes – sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt darauf an

Dieser Beitrag bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung. Ob eine Verordnung in Ihrem Fall möglich ist, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.

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